Bespielt wird ein ab April 2026 zum Abriss freigegebenes Haus. 1936 im Münchner Vorort Gräfelfing erbaut, liegt das Haus zwischen der Münchner Innenstadt und dem Starnberger See - einer von NS-Regime Eliten bevorzugten Wohnlage. Seit 2022 bewohnten drei ukrainische Familien den Ort für kurze Zeit. Seit der Erbauung wurde das Gebäude kaum verändert oder renoviert.
Vor seiner Demolition wird das Haus nun zum Schauplatz einer begehbaren Inszenierung von Ernst Tollers „Der deutsche Hinkemann“.
Durch das Betreten des Hauses begeben wir uns in den Kopf des Protagonisten Eugen Hinkemann - ein versehrter Veteran des Ersten Weltkrieges. Wir beginnen vor dem intakten Haus. Die Illusion der unbeschädigten Fassade verflüchtigt sich nach dem Betreten des Hauses. Hier werden wir von Kälte, Leere und Dunkelheit empfangen, in der sich verletzte und verunsicherte Gestalten bewegen. Sie sind wie Gedanken, die Hinkemanns Kopf bewohnen oder durch Erfahrungen und Begegnungen dort hineingelangt sind. Wie durch die innere Gefühls- und Gedankenwelt eines Menschen, leiten die Gestalten uns durch die Räume des Hauses. Dort stoßen wir auf textliche und thematische Fragmente aus Tollers Tragödie: die Heimkehr des unsichtbar Versehrten aus dem Krieg; Kriegsbegeisterung, Desillusion und Trauma; die Darbietung der brüchigen Fassade einer überstarken, unverwundbaren Männlichkeit; die existenzielle Krise Hinkemanns und dessen Versuch nach Hoffnung; das Zerbrechen seiner Liebesbeziehung; seine Verzweiflung und Verwirrung.
1893 wird Ernst Toller geboren. Trotz seines Jurastudiums in Grenoble, meldet Toller sich 1914 freiwillig für den Ersten Weltkrieg. Nach seiner Freistellung vom Militärdienst 1917 aus gesundheitlichen Gründen setzt er sein Studium in München fort. Dort beginnt Toller, sich politisch zu organisieren und tritt für eine Revolution zur Beendigung des Krieges ein. Er lernt Kurt Eisner kennen und wird nach der Ausrufung der bayerischen Räterepublik 1918 zum Zweiten Vorsitzenden des Zentralrats. Nach dem Mord an Eisner übernimmt Toller die Leitung des Rats. Nach der Zerschlagung der bayerischen Räterepublik 1919 wird er zu fünf Jahren Haft verurteilt. Während seiner Haft verarbeitet er seinen Pazifismus in Dramen wie “Masse Mensch” oder “Der deutsche Hinkemann”. Nach seiner Haftentlassung lebt Toller in Berlin. Hier werden einige seiner Stücke uraufgeführt. Toller engagiert sich weiter für einen revolutionären Pazifismus. 1933 muss er auf nationalsozialistischen Druck hin zunächst in die Schweiz flüchten, bevor er nach New York auswandert. Nach fünf Jahren des anti-nationalsozialistischen Aktivismus in den USA nimmt sich Toller am 22. Mai 1939 das Leben.
Zwischen 1921-1923 geschrieben, wird “Der deutsche Hinkemann” 1923 noch während Tollers Inhaftierung publiziert. Die Tragödie wird am 19. September 1923 in Leipzig uraufgeführt. Weitere Aufführungen des Dramas werden im Januar 1924 in Dresden von Nationalsozialisten gestört. Deshalb finden Vorstellungen in Berlin und in Wien 1925 unter Polizeischutz statt.
Hundert Jahre nach der Uraufführung von “Der deutsche Hinkemann” rücken Nationalismus, Aufrüstung und Krieg wieder in den Vordergrund der europäischen Politik. Diese Entwicklungen haben uns dazu veranlasst, Tollers Tragödie als Ausgangspunkt unserer begehbaren Inszenierung zu wählen. Die Fragen des Stücks betreffen uns unmittelbar.
Quellen:
LeMO Biografie – Ernst Toller. Lebendiges Museum Online, Deutsches Historisches Museum.
Hinkemann. In: Wikiwand – wikiwand.com/de/articles/Hinkemann ↗